Liebe Freundinnen und Freunde der Kulturkirche St. Stephani
Unglaub und Torheit brüsten sich frecher jetzt als je …
So beginnt die Strophe eines Pfingstliedes, geschrieben von Philipp Spitta in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Jedoch passt es ebenso auf die heutige Zeit; im Moment scheint sehr vieles von dem aus dem Ruder zu laufen, was lange Zeit so wohl geordnet schien. Bisher dachten wir meist, dies beträfe nur „die anderen“. Wenn wir aber genauer hinsehen, dann müssen wir feststellen, dass bei uns genauso versucht wird, humanistische Maßstäbe und demokratische Prinzipien aufzuweichen zugunsten populistischer Großsprecherei und der Behauptung eigentlich haltloser Thesen.
Wenn Kultur per Definition – im Gegensatz zur Natur – das ist, was wir Menschen machen, herstellen, wie wir mit Dingen umgehen und welchen Regeln wir dabei folgen, dann scheint es unumgänglich, sich neu zu besinnen, und das in mehrerlei Richtungen: Einmal sich zu erinnern, um aus Erfahrungen der Vergangenheit Lehren zu ziehen oder sich ins Bewusstsein zu rufen, welche Lehren vielleicht schon mal gezogen wurden. Zum Zweiten sich klarzumachen, dass es uns Menschen, Nationen, Lebewesen, ja, die Welt, nicht ALLEIN gibt, sondern immer in Verhältnissen zu anderen, zu anderem. Und das heißt drittens: Wir müssen erkennen, dass alles miteinander zusammenhängt. Wir müssen zugeben, dass Ursachen und Wirkungen mit uns zu tun haben.
Wir haben uns zu entscheiden, welche Kultur wir wollen – die mit vielen oder die für wenige. Wollen wir eine Kultur ertragen, in der in die Entscheidung unabhängiger Jurys eingegriffen wird mit Behauptungen, die zunächst von ganz anderer Stelle untersucht und bewertet werden müssten, bevor es zu exekutiven Konsequenzen kommen darf? Wollen wir uns mitschuldig machen, indem wir eine Kultur des Schweigens und des Wegsehens etablieren, weil wir nicht wahrnehmen wollen, dass unter dem Vorwand der „Selbstverteidigung“ und „Prävention“ ganz andere, destruktive und menschenverachtende Dinge betrieben werden? Wollen wir eine „Ordnung“ länger vertreten, die verursacht, dass weltweit die Schere zwischen Arm und Reich ständig größer wird, dass alles immer weiter aus den Fugen gerät? Ist das die Kultur, die wir ernsthaft für zukunftsfähig halten?
Brauchen wir nicht vielmehr Aufbruch? Erneuerung und Erneuerbares? Innovation? Nützt uns allen nicht vielmehr eine Kultur des Zusammenhaltes, der Solidarität und gemeinsamen Anstrengung ohne ständige Ausgrenzung?
Dazu ist mehr kühles Denken notwendig statt ständiger emotionaler Aufladung, mehr Fakten als Meinungen, mehr Innehalten, Hören und echtes Gespräch als ständiges lautes Pöbeln oder verhuschtes Schweigen. Und dazu gehören alle Ideen, Spiel-Räume, Diversitäten und gesellschaftlichen Gruppen. Dann können gute Gedanken gedacht, neue Lieder und Texte geschrieben und neue Wege gegangen werden.
Wir brauchen demokratische Kultur und eine neue Kultur der Demokratie. Die Kulturkirche versteht sich als ein Ort, an dem so etwas möglich ist und eingeübt werden kann. Seien Sie herzlich willkommen.
Es gilt ein frei Geständnis in dieser unsrer Zeit …
Tim Günther, Musikdirektion