Liebe Freundinnen und Freunde der Kulturkirche St. Stephani Bremen,

„Wir sind immer auch Ruinen unserer Vergangenheit. Fragmente zerbrochener Hoffnungen, verronnener Lebenschancen“, schrieb der Theologe Henning Luther. Es fällt uns schwer, uns selbst „nur“ als Fragment zu sehen. Empfinden wir uns doch als ein Ganzes, das wir stetig optimieren wollen.

Auch die Welt nehmen wir nur fragmentarisch wahr. Der Angriffskrieg Putins wütet weiter, die Positionen verhärten. Auch hier sehen wir nur, was wir sehen können oder wollen. Aus diesen Teil-Einblicken affektiv Handlungsvorgaben abzuleiten, erscheint fragwürdig. „Wir müssen schwere Waffen liefern“ steht gegen „Wir dürfen nicht zur Eskalation beitragen“.
Zwischentöne und Optionen sehen wir nicht mehr.

„In einer Welt, in der bittere Realitäten auf die Menschen einstürzen, so dass in kurzer Zeit keine Wahrnehmung dieser Realität stattfinden kann, verlangsamt die Metapher die Wahrnehmung, so dass auf einem Umweg ein Zugang zur Wirklichkeit offenbleibt“, sagt Alexander Kluge.

In den Todesszenen bei Verdi dehnt sich der Moment des Todes durch die Musik enorm  aus – „so erhalten die schrecklichen Taten auf der Bühne, die man in der Wirklichkeit nicht sehen will, analytische Schärfe.“
Mit Hilfe der Kunst kann es gelingen, unseren Blick auf uns und das Weltgeschehen zu weiten. Wenn wir uns eingestehen, dass wir in Fragmenten leben, können wir menschlich sein; „wenn Menschen es nicht zugeben, sind sie selber Phrase, eine bloße Absicht und als solche eher inhuman“ (Kluge).

Übrigens schreibt Henning Luther auch: „Andererseits ist jede erreichte Stufe unserer Entwicklung ein Fragment aus Zukunft. Es verweist uns positiv nach vorn. Unser Leben erwächst aus diesem Überschuss an Hoffnung.“

Das Fragment weist über sich hinaus. Auf das, was möglich ist und auf das Ganze, an das wir glauben.
 

Porträt von Diemut Meyer